„Wenn es nicht den internationalen Druck gegeben hätte, wäre unsere Freilassung kaum möglich gewesen“

Interview mit Aliaksandr Yarashuk

Dreieinhalb Jahre saß Aliaksandr Yarashuk, der ehemalige Vorsitzende des unabhängigen Kongresses Demokratischer Gewerkschaften von Belarus und Vizepräsident des Internationalen Gewerkschaftsbundes, im Gefängnis. Eine internationale Kampagne, an der sich auch Gewerkschaftsfreiheit International beteiligte, trug wesentlich zu seiner Freilassung im September 2025 bei. Hier äußert er sich zur Geschichte der unabhängigen Gewerkschaften in seinem Land, zu seiner Zeit in der Haft und den Umständen seiner Freilassung.

Unter welchen Bedingungen wurden unabhängige Gewerkschaften in Belarus gegründet? Wie entwickelten sie sich in den 1990er-Jahren und in den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts?

Unabhängige Gewerkschaften in Belarus wurden Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf der Welle von Streiks und Arbeitsniederlegungen in der ehemaligen Sowjetunion gegründet. Der Grund dafür war die Unzufriedenheit der Arbeiterinnen und Arbeiter mit ihrer Lage, mit den schweren Arbeitsbedingungen und den niedrigen Löhnen.

Die unabhängige Gewerkschaftsbewegung entwickelte sich konsequent bis Mitte der 1990er-Jahre. Nach dem Machtantritt des autoritären Regimes Lukaschenko begannen sich die Bedingungen für die Gründung und Tätigkeit unabhängiger Gewerkschaften stetig zu verschlechtern. Und seit Beginn dieses Jahrhunderts bis 2020 wurde ihre Entwicklung unmöglich. Die Behörden gingen zu einer Politik offener Repressionen gegen unabhängige Gewerkschaften und ihre Mitglieder über. Tausende Beschäftigte, die Mitglieder unabhängiger Gewerkschaften waren, wurden entlassen.

Und im Jahr 2022 wurden durch eine Entscheidung des Obersten Gerichts des Landes der Belarussische Kongress Demokratischer Gewerkschaften (BKDP) und alle ihm angeschlossenen unabhängigen Gewerkschaften liquidiert.

Unter welchem Vorwand wurdest Du festgenommen und was waren die tatsächlichen Gründe?

Dass die Gründe für meine Festnahme konstruiert waren, zeigt bereits die Tatsache, dass gleichzeitig mit mir mehr als zwanzig meiner Kolleginnen und Kollegen festgenommen wurden. Mir wurde die Teilnahme an Massenprotesten gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahlen im August 2020 und der Aufruf zu Streiks vorgeworfen. Infolgedessen wurde ich zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Wie waren die Haftbedingungen? Wie ist es Dir gelungen, unter schwierigen Umständen Deinen Überzeugungen treu zu bleiben?

Die Bedingungen waren außergewöhnlich hart und entsprachen in vollem Umfang den Bedingungen eines in Belarus fortbestehenden GULAG. Um zu überleben, war es notwendig, alle körperlichen und moralischen Kräfte bis an die Grenze zu mobilisieren. Zum Glück ist mir das gelungen.

Die entscheidende Rolle spielte die volle Gewissheit, für eine gerechte Sache einzutreten – eine Sache, für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt kämpfen.

Hast Du Informationen über andere inhaftierte Gewerkschaftsaktivisten?

Leider bei weitem nicht vollständig und bei weitem nicht über alle meine Kolleginnen und Kollegen. Und noch immer befinden sich etwa zwei Dutzend von ihnen in den Kerkern des Regimes. Und alle verbüßen ihre Strafen unter außergewöhnlich schweren Bedingungen und überleben im wörtlichen Sinne des Wortes. Unsere Hauptaufgabe sehen wir darin, für ihre schnellstmögliche Freilassung zu kämpfen.

Wie beurteilst Du die Bedingungen Deiner Freilassung? 

Die sogenannte „Begnadigung“ erfolgte anderthalb Monate vor dem Ende meiner Haftzeit. Aber die Wahrheit ist, dass ich möglicherweise überhaupt nicht aus dem Gefängnis herausgekommen wäre. Deshalb freue ich mich über meine Freilassung. Obwohl ich verstehe, dass ich für meine Freiheit einen sehr hohen Preis zahlen musste. Durch die Deportation nach Litauen hat mir die Diktatur die Heimat und zugleich die Existenzgrundlage genommen, ebenso wie die von mir erarbeitete Rente.

Damit hat die Diktatur zur illegalen strafrechtlichen Verfolgung eine ebenso illegale Entziehung meiner bürgerlichen und menschlichen Rechte hinzugefügt.

Wie wichtig ist internationale Solidarität für unabhängige Gewerkschaftsaktivisten in Belarus?

Lasst uns offen sein. Wenn es nicht den internationalen Druck gegeben hätte, bei dem die internationale Gewerkschaftsbewegung die aktivste Rolle spielte, wäre die Umsetzung des sogenannten „Deals“ zwischen Trump und Lukaschenko und unsere Freilassung kaum möglich gewesen.

Gewerkschaften verfügen über eine einzigartige Waffe – Solidarität. Und wir haben allen Grund zu glauben, dass auch meine Kolleginnen und Kollegen aus den unabhängigen Gewerkschaften in Belarus – wie ich – dank dieser Solidarität bald in Freiheit sein werden.

Hast Du eine Botschaft an die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in Deutschland?

Ich halte es für wichtig, den Mitgliedern der Gewerkschaften in Deutschland meinen aufrichtigen Dank für ihre Unterstützung der unabhängigen Gewerkschaften in Belarus auszusprechen. Allein die Tatsache, dass sich die belarussischen unabhängigen Gewerkschaften heute in Eurem Land befinden, bestätigt die außergewöhnliche Rolle, die deutsche Gewerkschaften heute in unserem Schicksal spielen.

Vielen Dank dafür, liebe Freundinnen und Freunde!

(Fragen: Ulrich Breitbach)

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